
Abbildung 1: Whisky direkt aus dem Fass...
Indem man ein Glas nimmt, den Whisky einfüllt, seine Augen zur Spiegelung der Farbe des Whiskys im Gehirn nutzt, seine Nase den Duft aufnehmen lässt und aus beiden Wahrnehmungen seinen Mund vorbereitet auf das, was dann kommt, was ihn völlig ausfüllt, manchmal betäubt, manchmal prickeln lässt, manchmal erregt, manchmal brennen lässt aber immer intensiv fühlen lässt.
Gefühle sind es, die den Whisky zur Nummer 1 unter den Spirituosen gemacht haben. Wer sich auf Whisky einlässt, kann dort den Geschmack von Nüssen erleben, wie er oder sie es zuletzt tat, als Mutter einen Kuchen backte und man selbst kaum über die Tischkante schauen konnte, oder den Duft einer ganz bestimmten Sommerblume, die man mit einer ersten Liebe verbindet, mit der man verschwitzt im Gras lag.
Um so weit zu kommen, bedarf es einer gewissen Erfahrung, einer Konzentration auf das „Ding an sich“ und natürlich eines Whiskys, der das geschmacklich hergibt.
Den optischen Eindruck vernachlässigen wir erst einmal.
Ohne die Erfahrung kommt man in Sachen Duft jedoch nicht weit. Die olfaktorische Infrastruktur des Menschen ist unterentwickelt und scheint sich immer weiter zurückzubilden. Gab es mal 1000 intakte Gene im Erbgut, die mit dem Riechen zu tun hatten, und sind davon heute 60% defekt, so ist selbst die mythenumwobene Fähigkeit Pheromone wahrnehmen zu können heute nur noch Makulatur. Aber gerade deshalb muss man den verbliebenen Rest gut trainieren und dazu eigenen sich entweder natürliche Düfte oder einfach ein Köfferchen, wie es Weinexperten benutzen, das eine Reihe von Aromen zur Verfügung stellt. Die kleinen Fläschchen tragen Aufschriften wie „Verkochter Blumenkohl“ und riechen in der Tat genauso. Damit kann man seine Nase „einnorden“, man hat also olfaktorische Wegweiser oder Orientierungspunkte, an denen man die gut 10000 wahrnehmbaren Düfte identifizieren und, was in diesem Zusammenhang noch wichtiger ist, beschreiben kann. Wenn man mit diesen Standards „arbeiten“ kann, ist es auch nur eine Frage der Zeit, dass man Dinge wie Mutters Nusskuchen in der Vielfalt der Whiskydüfte wieder findet. Wie gesagt, eine Sache der Zeit, wie viele Dinge beim Whisky.

Zeit ist es auch, die man braucht, wenn man das Glas in der Hand hält. Man kann sich an der Intensität der Farbe erfreuen und sich über die vornehme Blässe wundern, man kann den Whisky durch Handschmeicheleien leicht erwärmen oder, wenn man ihn in warmen Gegenden in einem gefrosteten Glas trinkt (wie „Baffo“, der große italienische Sammler), dieses Glas langsam abtauen lassen, man kann ihn im Glas rollen lassen und bis an den Glasrand schwingen lassen und anschließend die Flüssigkeitsstreifen bewundern, die vom Glasrand herabrinnen – kurz gesagt, man nimmt das Zwiegespräch mit dem Glasinhalt auf und vergisst die böse Welt Drumherum.
All das kann man mit einem 50jährigen Single Malt genauso wie mit einem Jim Beam Cola machen. Wichtig ist letztlich nicht der Inhalt des Glases, sondern was im Kopf des genießenden Menschen vor sich geht und jeder Einzelne entscheidet selbst, wie man richtig Whisky trinkt.
Das beste Glas wäre sicher eines, das dem „Tischlein-deck-dick“ entspräche, also ein „Gläslein-Füll-Dich“ mit tollen Whiskys, die immer dem eigenen Geschmack des jeweiligen Tages entsprechen. Da es solche Gläser wohl nur in geringer Auflage im Feenreich gibt, müssen wir uns mit den harten, gläsernen Realitäten auseinandersetzen. Welche Gläser stehen denn zur Auswahl: die bekanntesten sind sicher der Tumbler, das Cognacglas, das Weinglas, das Grappa-Glas und das Nosing-Glas.

Leider gibt es keine Formel, die so etwa lautet: Flüssigkeitsoberfläche mal Glasvolumen durch Glasöffnung ergibt den Genusskoeffizienten, mit dessen Hilfe man das optimale Glas ermitteln kann. So hilft wieder einmal nur die Lebenserfahrung. Okay, endlich hat das menschliche Alter auch mal etwas Positives und es wird nicht immer nur von altem Whisky geschwärmt.
Wer hat nicht schon einmal am Swimmingpool sitzend, Lustknaben oder Mädchen um einen herum wandelnd, das Eis im Glase klingeln lassen. Kleine Gläser mit engen Öffnungen sind dazu weniger geeignet, das beginnt bei großen Eiswürfeln, die da nicht durch passen und endet mit kaputten Gläsern, weil das Glas so dünn ist. Angesagt ist also ein dickwandiges Glas mit einer großen Öffnung. Ein dicker Boden ist hilfreich, wenn man dann auf einer Luftmatratze auf dem Rücken liegt und sich das Glas auf den Bauch stellt, da ist Gewicht gefragt, um die Standfestigkeit zu gewährleisten.
Spaß beiseite, Tumbler sind wirklich gut geeignet, wenn man z.B. einen Blended mit Whisky „auffrischen“ möchte und das Eis schnell im Whisky auftauen soll und man es deshalb ordentlich schwenkt. Oder für einen „fetten“ Bourbon, damit der nicht aus dem Glas hüpft vor lauter Vanille.
Cognacgläser intensivieren das Erlebnis für die meisten Whiskys zu stark. Die große Oberfläche setzt viel frei und die kleine Öffnung lässt nur Platz für die Nase, die dann die „geballte Ladung“ abbekommt. Allerdings kann dieses Glas bei schwächeren Destillaten durchaus auch einmal genau richtig sein.
Weingläser bieten ebenfalls eine große Oberfläche, allerdings in den meisten Fällen auch eine zu große Öffnung, so dass in der Regel zu viel verloren geht. Auch hier gilt, dass manche Whiskys gut aus Weingläsern getrunken werden können, wenn sie in anderen Gläsern mit kleineren Öffnungen „zu stark“ (sei es vom Alkohol oder starken Noten) sind. Das Grappa-Glas bietet dagegen zu wenig Platz, die Flüssigkeitsoberfläche ist zu klein und die Öffnung ebenfalls.
Für die meisten Whiskys ist das Nosing-Glas wirklich am besten. Hier stehen Oberfläche und Öffnung in einem ausgewogenen Verhältnis. Wenn es einen Nachteil hat, dann vielleicht den, dass diese Gläser vornehmlich für das „Nosen“, also die „Arbeit“ mit der Nase gedacht sind.
Je nach Dauer, die der Whisky in den Flaschen verbringen soll, sollten die folgenden Regeln mehr oder minder strikt eingehalten werden. Wenn man eine Flasche zum „Sofortverzehr“ kauft, dann spielt es keine Rolle, ob sie stehend, liegend oder schräg im prallen Sonnenlicht ihre letzten Tage verbringt.
Anders sieht es aus, wenn man das gute Stück einkauft, weil gerade Familiennachwuchs eingetroffen ist und man mit seinem Sohn oder Tochter an deren 30. Geburtstag vorhat, einen edlen Tropfen zu genießen.
Generell gilt: Anders als bei Wein, sollten Whiskyflaschen stehend gelagert werden. Natürlich macht es nicht so viel, wenn frisch abgefüllte Flaschen mal für einen kurzen Zeitraum liegend gelagert werden, aber grundsätzlich und vor allem dauerhaft sollte Whisky ausschließlich ohne Kontakt zum Kork verbringen, da dieser aufgrund des hohen Alkoholgehaltes diesen Kontakt nicht unversehrt übersteht und damit auch den Whisky in Mitleidenschaft zieht. Lieber einmal eine halbe Stunde mit dem Öffnen eines alten, trockenen Korkens verbringen, so wie Raritätenhändler Lothar Langer auf der Whisky Messe Cool Celtic 2001 bei einem Highland Park aus dem Jahre 1902, als einen so alten Whisky vernichten zu müssen, weil er nicht mehr trinkbar ist.
Daneben gilt es soweit wie möglich direktes Sonnenlicht zu vermeiden. Bei kürzeren Zeiträumen gilt zwar der Satz, dass mit der Abfüllung der Spirituosen auf Flaschen jegliche Reifung gestoppt sei, aber eben nur bei kürzeren Zeiträumen. Denn wenn man genau darauf achtet, hört niemals etwas vollständig auf sich zu verändern, denn wenn das der Fall ist, haben wir die Entropie erreicht und brauchen uns, selbst wenn wir es dann noch könnten, über nichts mehr Sorgen machen. Selbst wenn die Entwicklungen in der geschlossenen Flaschen also denkbar langsam von statten geht, sollte man davon absehen, sie durch die Zufuhr von Energie, sprich, Sonnenlicht, zu beschleunigen. Opas Barschrank kann also doch noch zu etwas nützlich sein.
Wenn man den Herstellern Glauben schenken darf, geht zwar das Licht in Kühlschränken aus, wenn man die Tür schließt und dann ist es dort auch dunkel, aber wenn Malt Whisky zu kalt wird, kann es leicht passieren, dass er trüb wird. Das ist zwar nur eine vorübergehende optische Beeinträchtigung, aber wenn man nicht jedes Mal seinen Whisky aufwärmen möchte (siehe auch „Wie wird Whisky richtig getrunken“), sollte man lieber auf den Kühlschrank als Aufbewahrungsort verzichten, es sei denn man mag Whisky gekühlt, wie David Robertson (einst Schottlands jüngster Distillery Manager), der seine drei neuen Whiskys am liebsten direkt aus dem Kühlschrank genießt.
… auf immer und ewig natürlich. Niemand wird deswegen die Polizei rufen oder einen Brandalarm aktivieren.
Allerdings kann es je nach Whisky und je nach Füllstand zu Veränderungen kommen, über deren Charakter sich aber die Experten streiten. Da gehen die Meinungen weit auseinander: Einige meinen, dass eine halbleere Flasche, die 3 Monate stand, schon kaum noch trinkbar ist, andere sagen, dass sie auch noch nach Jahren keinen Unterschied zur eben geöffneten Flasche feststellen können.
Umfangreich auch das „Waffenarsenal“, mit dessen Hilfe die geöffneten Flaschen „geschützt“ werden sollen. Es beginnt bei Glaskugeln, die in die Flasche getan werden, damit der Flüssigkeitslevel und damit der Luftanteil wieder der ungeöffneten Flasche entsprechen und endet bei Edelgasen, die in die Flasche eingeleitet werden, um den Sauerstoff zu ersetzen.
Der Autor selbst hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht, da gibt es einen Ardbeg, der seit mehr als 20 Jahren mit nur noch ein paar Tropfen Inhalt im Regal steht und der immer noch überwältigend riecht, und dann gibt es einen Bowmore Claret, der offenbar bereits nach relativ kurzer Zeit und wenig Sauerstoff seinen seltenen Wein-Torf-Ton verliert.
Die immer wieder in der Literatur zitierten 6 Monate sind somit wirklich nur eine Orientierungszahl ohne großen Nutzen. Wie so oft in diesem Buch heißt es: selbst ausprobieren oder in großen Zügen oder mit vielen Freunden genießen, so dass sich das Problem erst gar nicht stellt.
Am besten die Flaschen öffnen und den Inhalt sich im Magen sammeln lassen. So spricht jemand, der wie der Autor ein gespanntes Verhältnis zum Sammeln hat. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle neutraler bleiben und fragen: Warum Whisky sammeln?
Man kann damit Geld verdienen, antwortet der Spekulant.
Um auch später einen guten Tropfen zu haben, sagt der Hamsterer.
Um nach hundert Jahren zu erfahren, was den Menschen damals geschmeckt hat, sagt der Historiker.
Whisky ist unzweifelhaft ein Spekulationsobjekt geworden. Dabei wird heftig gestritten, wer daran die Schuld trägt, die Henne oder das Ei, die Hersteller oder die Konsumenten.
Ob Privatleute mit dem Sammeln wirklich Geld verdienen können und wenn ja, in welchem Umfang, ist unklar.
Natürlich gibt es den begeisterten kleinen Sammler, der seinen Black Bowmore vor ein paar Jahren für vielleicht 600 D-Mark gekauft hat und ihn jetzt für eine vierstellige Euro-Summe verkaufen kann. Keine Frage ein gutes Geschäft für ihn.
Aber zum einen sind Wertsteigerungen wie im Falle des Black Bowmore eher die Ausnahme und folglich weiß zum anderen niemand, wie viele Flaschen er gekauft hat, die lange bei ihm herumstanden und die nicht einmal die Zinsen eingebracht haben, die man auf einem simplen Sparbuch bekommen hätte.

Abbildung 3: Schöne alte Flaschen (alte Highland Parks)
Hingegen gibt es die Aussage eines erfahrenen Großhändlers, dass alle Händler, die er kannte, die versucht haben, Geld zu verdienen, in dem sie im großen Stil in vermeintliche Spekulationswhiskys investierten, pleite gegangen seien. Entweder hatten sie also nicht genug langen Atem, sprich Kapital, um die Flasche lange genug behalten zu können, oder die Vorhersagbarkeit wirklich guter Spekulationsobjekte ist schwieriger als die meisten denken.
Schwierig heißt nicht unmöglich, Carsten Ehrlich (der u.a. die Whiskymesse in Limburg organisiert) gehört zu der kleinen Gruppe von Händlern, die bisher, buchstäblich geleitet von ihrem guten Geschmack, es immer wieder schaffen, frühzeitig Abfüllungen zu identifizieren, die sich am Markt preislich deutlich nach oben entwickeln.
Auf der Seite der Amateure, also der Whiskygenießer ist es eher wie im Fußball: Es gibt Tausende Bundestrainer, die alles besser können und wissen als die Profis und genau wissen wie der Hase läuft. Doch auch der Autor hat noch niemanden reich werden sehen, der oder die mit Flaschen als Spekulationsobjekten handelte.
Whisky für den späteren Genuss zu sammeln, verselbständigt sich leicht und dann gibt es einen weiteren „unfreiwilligen“ Sammler.
Einmal angefangen und eine Flasche beiseite gestellt, um sie später zu genießen, ist der Sammeltrieb in vielen Fällen kaum noch zu bändigen. Was seit Jahrhunderten mit Briefmarken, Münzen und einer Menge anderer Dinge geschah und geschieht, dass sie auf nimmer Wiedersehen in dunklen Schränken und Kammern verschwinden, droht auch jeder Flasche, die einem Sammler in die Hände fällt. Dabei spielt es dann schnell keine Rolle mehr, ob sich tatsächlich Whisky oder Tee in den Flaschen befindet, Hauptsache ein neuer Soldat ist für die Armee des Sammlers rekrutiert.
Öffnen, genießen, austrinken? Oh, Schreck, oh, Graus, das hieße ja den Bestand verringern, wo man doch alles tut, um ihn zu vergrößern. Und wann gibt es schon den Atomkrieg, der auf der anderen Seite der Welt beginnt und dessen Folgen sich so langsam ausbreiten, dass man Zeit und Aussichtslosigkeit genug hat, um den Sammelbestand langsam Flasche für Flasche seiner eigentliche Bestimmung zuzuführen.
Aber vielleicht tun Sammler ja genau das richtige? Eine immer wieder gehörte Behauptung ist…
Früher war also der Whisky besser und natürlich auch die Whiskyunternehmen bestanden aus besseren Menschen. Damals wurde Whisky von Enthusiasten gemacht, denen es um das Produkt ging. Heute dagegen wird Whisky von großen Konzernen gemacht, die wie Pharmakonzerne nicht nach der Qualität des Produktes schauen, sondern nur noch ihre Marketingabteilungen beschäftigen wollen…
Soweit die Sätze, die gerne und schnell immer und immer wieder zu hören sind.
An dieser Stelle passt nur noch ein Ausdruck, der das Verdauungsendprodukt eines grasfressenden männlichen Steppentieres beschreibt und den ich im Zusammenhang mit Genuss-Produkten nur in äußerster Not verwende.
Wer jetzt erwartet, dass an dieser Stelle eine Polemik gegenüber dieser oft gehörten Aussage folgt… liegt genau richtig.
Auch wenn es nicht das erste Mai ist, dass ich gegen diesen Satz anschreibe, den ja sooo nie jemand gesagt hat und wenn, dann in jedem Fall gaaanz anders gemeint hat, viel differenzierter natürlich… also, auch wenn ich mich wiederhole in meinem Plädoyer, das wellenartige Wiederaufbranden dieses Satzes macht das auch notwendig.
Das Thema ist also alt, aber angesichts der aufgestellten These kann das der Sache ja nur guttun, wenn man die Sache aus der Richtung ihrer Verfechter sieht. Ich sehe es anders. Das Thema ist alt und deswegen im Grunde ziemlich öde, aber wegen der weiten Verbreitung doch wert, näher darauf einzugehen.
Von Zeit zu Zeit kommt diese These wie ein Schluckauf immer wieder hoch, manchmal mehr gewürgt als spontan und manchmal wie auswendig gelernt. Meistens von Leuten, von denen auch ansonsten eine gewisse Unoriginalität – ich verzichte dabei bewusst auf die Nutzung des Wortes Unbeweglichkeit – im Denken ausgeht. Doch genug der unbelegten und persönlich verletzenden Unverschämtheiten, kommen wir zu den Fakten.
Ausgangspunkt sind Sätze wie „Die Abfüllung des Glen-Z vor 1970 war einfach besser und auch die achtzehnjährige Abfüllung des Y-more kann ich gar nicht mehr herunterbekommen, obwohl der früher einfach nur toll war“ oder auch „früher wurde Whisky mit Leidenschaft hergestellt, heute vermarkten ihn Konzerne“.
Natürlich handelt es sich bei den Personen, die Aussagen dieser Art treffen, um Experten. Eigentlich gibt es ja nur noch Anfänger und Experten in Deutschland, wenn es um Whisky geht. Experten sind die Leute, die Tastings geleitet haben… oder die schon mal etwas über Whisky geschrieben haben, die mit mindestens 30 Distillery Managern gesprochen haben, deren Telefonnummern in ihrem Adressbuch haben, wissen, wann die Geburtstag haben oder ob mal ein Floh in deren Distillery gehustet hat. Natürlich haben die Experten der Experten sogar schon mal ein paar Tage in einer Distillery verbracht oder haben eine Whisky School besucht… nur eines haben sie nicht, wirklich aus Berufung Whisky hergestellt.
Man kann über Jim McEwan sicher ein paar kritische oder auch sehr kritische Anmerkungen machen und gelegentlich erlaube ich mir das sogar… aber in mindestens einer Sache gebe ich ihm uneingeschränkt Recht, Experten sind nur die Leute, die ihr Leben damit verbringen Whisky herzustellen.
„Views from the sideline“ können wichtig sein, gerade wenn es um die Ver-marktung geht, journalistische Perspektiven können unterhaltend sein, Händler können Unmengen von Wissen ansammeln und tun damit der Whiskykultur viel Gutes, Genießer mit einem eigenen und geschulten Geschmack sollte es so viele wie möglich geben und generell sind engagierte Verbraucher überlebenswichtig, jedenfalls auf Dauer – aber überflüssig sind Experten, deren Expertentum auf Meinungen und Einschätzungen beruht, die dies aber als Faktenwissen „verkaufen“ und auch selbst empfinden.
Eine gewisse Demut in dieser Beziehung täte uns allen gut und wäre der Sache sicher hilfreich. Was wirklich der Sache nicht nutzt ist dieser Absolutheitsanspruch von Amateuren. Wenn man meint, tatsächlich ein Nachlassen der Qualität aufgrund von Geschmackseindrücken festzustellen, bedarf es größtmöglicher Sorgfalt, um das vielleicht argumentativ auf eine breitere Basis zu stellen und vielleicht parallel in der Herstellung belegen zu können. Aber manchmal muss man das auch gar nicht, es reicht doch vollständig zu sagen, der Port Ellen 1923 war besser als der 1955 und letzterer wiederum besser als die letzten Abfüllungen und bei Glendronach und Bladnoch konnte ich Ähnliches feststellen.
Das kann so sein und so empfunden werden, keine Frage! Über Geschmack lässt sich nicht streiten und Tendenzen bei der Herstellung eines Naturproduktes muss es geben, sonst wäre es eine Fabrikfertigung am Fließband. Es wäre ja schrecklich, wenn Geschmack statisch wäre! Und dass sich Herstellungsweise und der Geschmack von Brennereierzeugnissen und damit einzelner Abfüllungen ändert, wer wollte das bestreiten? Gerade darin liegt ja viel der Faszination, die dieses Getränk ausmacht.
Stattdessen kommt aber viel zu oft das genannte Pauschalurteil. Dafür reicht vielen ein Blind Tasting oder das Wissen, dass Manager XY gesagt hat, dass nach der Umstellung auf indirekte Beheizung der Stills oder vielleicht nach seiner Entlassung deutlich weniger guter Whisky produziert wurde etc.pp.
Es verlangt allerdings schon etwas mehr, um belegbare und testbare Aussagen zu treffen. Ansonsten bleibt es beim Stammtischniveau. Das ist solange okay, wenn man bei einem Gläschen beisammen sitzt und frei vor sich hin philosophiert, aber wenn man sich öffentlich äußert, werden die Ansprüche halt etwas höher - oder sollten es werden.
Aber die Klage unisono, diese Glorifizierung vergangener Zeiten, dieses stumpfe Wiederholen als ob es Sprung in der Platte ist, ist schlicht ein Kennzeichnen von geistiger Vergreisung, was auch relativ junge Leute befallen kann. Geistige Beweglichkeit ist kein Vorrecht der Jugend, es ist nur um so schrecklicher anzusehen, wenn „Whisky-Alzheimer“ schon Menschen um die 30 befällt, denn es werden einfach viele Dinge und Sachen vergessen:
· Heute tauchen immer wieder neue Destillerien auf, sei es als Neugründungen in aller Welt oder sei es, weil sie plötzlich dem Dahinsiechen und der Vergessenheit entrissen werden wie Bladnoch, Bruichladdich etc. Insgesamt bildet sich ein Micro-Distillery Segment, wie es schon lange keines mehr gegeben hat, und verheißen zumindest interessante Spielarten in der Produktion.
· Unternehmen wie Compass Box lassen sich neue Sachen einfallen oder beleben alte, vergessene Techniken wieder. Auch die Idee des Finishings, der Balvenie Double Wood kam hier als erste Abfüllung auf den Markt, ist nicht wirklich alt und ist für bemerkenswerte Abfüllungen verantwortlich – und derbe Versuche als Single Malt ungeeigneten Whisky zu „verschlimmbessern“.
· Dinge wie Vermarktung hat es immer gegeben und wird es immer geben, nur durch sie lebt der Whisky. Diese Vermarktung war früher nicht besser oder schlechter. Eher letzteres wenn man an den Pattison-Skandal denkt, nach dem viele Brennereien schließen mussten oder die beinahe völlige Vernichtung des irischen Brennereiwesens, weil nicht gut genug verkauft und nur an die Tradition gedacht wurde.
Es bleibt der Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne, also zwischen neuen Ideen und Vermarktungswegen und alten Idealen und Identitäten, den es zu durchleuchten gilt. Und die Frage, wenn es so oft gesagt wird, dass Whisky früher besser war, ist dann nicht vielleicht doch etwas dran?
Ich möchte an dieser Stelle die These aufstellen, dass es Whiskygenießer gibt, die vielleicht lieber Sherrygenießer werden sollten. Und die Zahl dieser Leute ist nicht klein.
Wenn es nicht so hipp wäre Whisky zu trinken und wenn Sherry genauso angesagt wäre, dann könnte ich mir bei vielen Leuten vorstellen, dass sie eher eine Range verschiedener süßer Sherrys im Regal stehen hätten und sich damit vergnügen. Warum?
Es liegt in der menschlichen Natur den Geschmack „süß“ als angenehm zu empfinden und diesem Empfinden wird nur zu oft reflektiert nachgegangen. Unreflektiert wäre die Sache kein Problem, wer wollte jemanden verurteilen, weil er/sie einfach gerne etwas Süßes zu sich nimmt. Aber wenn reflektiert wird, dann sollte man mehr erwarten dürfen. Ein Paradebeispiel ist der Fall Macallan Fine Oak. Mittlerweile hat man bei Edrington eingesehen, dass es ein Fehler war, der Genießergemeinde so unvorbereitet ihren Schnuller zu entziehen, sprich, den Sherryanteil zu reduzieren. Es folgte, was immer folgt, wenn eine befriedigende Gewohnheit von einen auf den anderen Tag entfällt, wenn also Schnuller oder ihr natürliches Äquivalent ohne Warnung entzogen werden, setzt Geschrei ein. Nichts anderes passierte im Falle von Fine Oak. Das Süße war teilweise weg und dafür war so etwas wie Whisky in der Flasche!
Whisky, der nur noch zu einem Teil in Sherryfässern gelagert worden war und statt dessen vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr wie Whisky schmeckte. Aber wer will das schon?
Whisky soll so wie früher schmecken, als er noch besser war!
Edrington bezahlt für diesen Liebesentzug, den sie ihren Kunden in Deutschland zumutete, mit einem Umsatzrückgang, über dessen Größenordnung sich nur spekulieren lässt. Etwas mehr Kommunikation mit den Konsumenten hätte vielleicht zum einen bei der Produktentwicklung etwas bewirken können, aber zum anderen vielleicht auch bei einer behutsameren Vorbereitung auf das Produkt. Letztlich hätte das parallel Anbieten von beiden Reihen, Sherry und Fine Oak, zumindest das Gefühl der Entmündigung des Kunden verhindert, das auch immer wieder als Argument durchscheint, wenn es um den Fine Oak geht.
Naja, dafür gibt es ja andere Schnuller, Finishings genannt! Aber ich höre schon die Fraktion der Whisky-Historisten wieder aufschreien: Mein Gott, das wird doch nur gemacht, um schlechten Qualitäten ein bisschen Geschmack einzutrichtern. Vielleicht sollten sich diese Damen und Herren mal mit „The Brain“ Bill Lumsden zusammensetzen und ihm das zu seinem neuen Glenmorangie Margaux sagen. Diese Company kümmert sich wie nur wenige andere um das Holz für ihre Fässer, ihre Rohstoffe und alles andere… und setzt dann eben noch einen oben drauf, um dem Markt etwas zu geben, für das es offensichtlich eine Nachfrage gibt. Ob man Wein-Finishes mag, ist eine Geschmacksfrage, aber zu sagen, dass damit generell bezweckt wird, mittelmäßige Whiskys aufzupeppen, ist einfach haltloses Gerede. Es stimmt vielleicht in manchen Fällen, wo dann ein nichtssagender Islay mit wohlklingendem Brennereinamen, der ansonsten in einem Mittelklasse Blended Scotch gelandet wäre, mittels einem Monat Aufenthalt in einem Fass mit schweren Sherrynoten oder auch nur entsprechender Farbnuancen zu einem „Spitzenmalt“ mit hohem Preis zu machen. Bei zehn Fässern eines Premium Cru und zwei Jahren, die sogar eine verkürzte Lagerzeit darstellen, weil Bill Lumsden meint, dass genau nach dieser Zeit das Optimum erreicht ist, wirkt so ein Vorwurf geradezu nicht lächerlich.
Wenn wirklich früher alles so gut war, also alles in Sherry und weiches Holz getunkt war, denn das verstehen doch sehr viele unter einem guten oder in diesem Falle besseren Whisky, dann könnten einem die Leute, die heute zum ersten Male Whisky genießen und Freude daran haben, ja nur leid tun. Man muss sich dann allerdings wundern, dass es davon immer mehr gibt. Aber wahrscheinlich wissen diese Leute nicht, was sie tun und sind den Marketingstrategen der großen Konzerne schutzlos ausgeliefert, die ihnen einflüstern, dass diese Whiskys, die ja gegenüber den alten Qualitäten so unsagbar schlecht sind, doch schmackhaft sind.
Außerdem sind diese Whiskyflüsterer auch noch daran schuld, dass alles, was früher nur aus Lust und uneigennütziger Freude bestand, heute ein verdorbener Hort des Kommerzes geworden ist. Da gab es doch vor 15 Jahren diesen sagenhaften Glen Premium zum Preis von 20 DM, und das eigentlich auch nur, weil man dem Händler das Geld unbemerkt in die Tasche steckte, denn der wollte es ja eigentlich gar nicht.
Heute dagegen! Heute verlangt doch ein dreister Hersteller 140 DM (Euro mögen diese Leute von gestern ja gar nicht gern sagen) für einen 15jährigen Whisky und behauptet dann auch noch, dass es nur eine kleine Menge davon gibt! Tja, früher, da floss der Whisky noch in Strömen und zum Nulltarif, früher gab es die freie Liebe, Blumen in den Haaren und Haschisch für alle.
Aber zurück zu den Fakten. Gerade aus Kreisen von Raritätenhändlern (und die sollten es ja wissen) kommt das Argument, dass Originalabfüllungen im Laufe der letzten Jahrzehnte sich so verändert haben, dass sie gar nicht wiederzuerkennen sind.
So what? Alles andere wäre doch bei einem Produkt, das von so vielen natürlichen Umständen abhängt nur verdächtig.
Aber natürlich soll das eigentlich heißen, dass es bei diesen Veränderungen eigentlich immer eine Veränderung zum Schlechten ist.
Beispiele dafür sind ein Cardhu, der in den 70er Jahren (Kork und weißes Label) ein Whisky war, der von seiner Intensität und Reife kaum mit dem heutigen Produkt vergleichbar ist. Charles MacLean ist generell davon überzeugt, dass Mitte der 70er Jahre die Qualität massiv nachgelassen hat.
Auch der 10jährige Laphroaig ist ein beliebtes Beispiel. In den 70er Jahren war dies ein Whisky, der „knallte und stank“ (Zitat Stefan Gabanyi, der es allerdings in einem anderen Zusammenhang machte, nämlich bei seiner Definition, was einen Whisky ausmacht), was heißen soll, er roch wirklich medizinisch und ließ manche fragen, warum man flüssigen Teer trinken sollte. Oder der 15jährige Springbank in der Eierlikörflasche, einfach grandios. Solche Urgesteine sind heute vollkommen anders, ich persönlich mag die genannten alten Abfüllungen lieber und würde mich sogar zu der Aussage versteigen, dass die alten weitaus besser waren. Es ist nicht nur Snobismus, der diese Flaschen heute 300-400 Euro kosten lässt.
Doch gerade bei dieser Perspektive gilt es zu beachten, die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen. Heute erinnert man sich doch nur noch an die guten Flaschen und das maßgebliche Kriterium der Raritätenhändler in den früheren Jahren war, neben den wenigen Flaschen, die es nur in kleiner Auflage gab und die sich von daher als Raritäten anboten, vor allem der Geschmack. Sie kaufen und bewahren, was gut schmeckt – da kann es nicht wundern, wenn sie heute eine etwas eindimensionale Sicht der Dinge haben – von ihrem Geschäftsinteresse, dem ein guter Leumund alter Ware hilfreich ist, einmal ganz abgesehen. Die minderwertige Ware der alten Jahre findet sich bei ihnen kaum und wenn dann nur, weil ihre Stückzahl begrenzt ist. Und so werden sie zu Gralshütern, des besseren Whiskys der alten Zeiten – was allerdings nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass Whisky allgemein früher besser wa